Halbgott-Schmiede

Es beginnt...

- Gratia Lapis, nördliche Provinz des Bosparanischen Reichs, an den Ausläufern des Koschim-Gebirges -

“Still gestanden!”, der langgezogene Ruf des Decurio hallte über den Platz der kleinen Kaserne, “Richt euch, die Augen geradeaus!”
Ein Rucken ging durch die Legionäre und vereinzeltes Scharren von Sandalen auf Stein war zu hören. Einzelne Soldaten, die sich an die vorgegeben Reihe der anderen Kameraden vor ihnen anpassten und ihre Füße nachzogen.
Der Decurio in seiner schimmernden und hochpolierten Rüstung verzog das Gesicht beim Anblick des Haufens und ging dann selbst in Stellung, trat an seine Position im Innenhof, die er sich vor zwei Jahren mit schwarzer Kreide markiert hatte.
Die Sonne blendete ihn zu solch früher Morgenstunde wie immer, reflektiert von den roten Ziegeln der Gebäude um ihn. Im Rücken der angetretenen Legionäre trat nun der Centurio Pryshus an ihn heran, er meldete Pflichtbewusst wie jeden Tag und übergab damit die Einheit an diesen ab.
“Alle vollzählig und gesund, Herr Hauptmann!”
“Ausgezeichnet Gaius, einreihen.”, antwortete der Centurio und ging an ihm vorbei. Der Decurio Gaius Claudius Darbonius musste sich das Zucken seiner Mundwinkel verkneifen und ließ sein Gesicht zu einer Maske werden, er hasste es, wenn der Centurio auf den Titel, den er sich mühsam erarbeitet hatte, verzichtete und ihn mit Gaius ansprach. Als er neben den anderen Unteroffizieren der Legio VI. Septentrio angekommen war und sich ihnen einreihte, hatte Pryshus schon mit seinem Bericht angefangen.
“… wir verstärken daher den Außenposten und die Palisaden auf einer Länge von Zwanzig Meilen und lassen sie gegen anrennen…”
Gaius raunte seinem Kameraden Thuan zu ohne seinen Blick vom Centurio zu nehmen “Ich war kurz unaufmerksam, neue Befehle aus Bosparan?”
“Ja, mit einem Meldereiter gestern Nacht angekommen, die Orks rollen weiter vor und Havena hat eine Kompanie verloren. Wir sollen die Posten verstärken bevor sie hier sind und uns auf sie vorbereiten.”
Als ob die Politiker in der Hauptstadt wüssten wie die Schwarzpelze agieren, geschweige denn aussehen. Die haben ihr letztes Gefecht vor einem halben Jahrhundert gegen die sandfressenden Tulamiden geführt. Einen Ork haben sie noch nie gesehen."

“… und deshalb wird Decurio Gaius Claudius Darbonius zurück nach Bosparan beordert.”, der Centurio hatte unbeirrt weiter seine Rede gehalten und die Entschlüsse der Shinxirpriester und Hochgeweihten in Bosparan verkündet.
Gaius hatte erneut nicht ganz der Rede folgen können, die nun von Taktischen Spielereien zu ihm gewandert war. Es ging um ihn und eine Versetzung. Nach Bosparan… wieso genau, interessierte auch nicht wirklich.
Gaius löste sich aus der Formation und schritt auf die Mitte des Exerzierplatzes, salutierte dort wieder vor dem Centurio. Hinter ihm konnte er deutlich das Gemurmel seiner Legionäre hören. Was genau sie sprachen konnte er nicht verstehen, da sie sich Mühe gaben leise zu sprechen. Dafür würde er sie später durch den Dreck schicken!
Hauptmann Pryshus holte ein zerknicktes Pergament unter seinem Gürtel hervor und begann vorzulesen. Es ging um seine Beförderung zum Prätorianer, er habe sich in Bosparan bei Hochwürden Athrenius von Belhanka zu melden um seine Ausbildung dort weiter fortzusetzen.

Wieder stieg die Wut in ihm Hoch als er den Befehl in den Händen des Mannes vor ihm sah. Heiß kochte es in ihm und Gaius spürte, wie sein Gesicht rot wurde. Zum Einen war das Pergament zerknittert, was sicherlich bei Ankunft des Schreibens noch nicht der Fall war, zum Anderen hatte er sich vor Fünf Jahren um die Position eines Prätorianers bemüht. Fünf Jahre musste es also dauern bis jemand mit seinen Fähigkeiten entdeckt wurde. Es folgte eine Beglückwünschung seines Vorgesetzten und wurde zurück geschickt.
Damit war das Antreten beendet und die Legion löste sich nach dem lauten Ruf “Rührt euch!”

Als er seinen Gedanken folgend zu seiner Schlafstätte stiefelte bekam er Gespräche der Anderen mit, die über ihn sprachen und sich unverholen freuten, dass Decurio Gaius abkommandiert wurde. Der Soldat ging weiter und steckte die Hand in seinen Lederbeutel am Gürtel und massierte die Speerspitze, die er damals einem erschlagenen Orken-Krieger abgenommen hatte und nun als Glücksbringer betrachtete. Die Wut lies sich manchmal damit kontrollieren – meistens dann, wenn er für Fehlverhalten seiner Legionäre ihnen die Mängel aus dem Leib prügeln wollte.
Die Orks mochten mit ihrem Glauben an Brazoragh mehr Disziplin erreichen als die Geweihten des Hornissengottes!

- Insel Orkhin, Zvavnirsheim, Runensteine nördlich des Fischerdorfs -

Das Thing hatte gerade begonnen und es lag eine bedächtige Stille über dem heiligen Ort. Bevor sie vom kleinen Fischerdorf im Westen den kleinen Berg nach oben zu den Runensteinen gegangen waren, hatten einige der Hetleute den Metkrug kreisen lassen.
Sie waren guter Stimmung durch die ertragreichen Überfälle auf die südlich gelegene Stadt Nostria und hießen dies den Grund für ihr ungezügeltes Benehmen. Ein solches Treffen kam nicht allzu oft zu Stande,
es gab wenig Kontakt zwischen den einzelnen Dörfern zwischen der steinigen Küste und wenn die Beute aus dem Süden ausblieben überfielen sich die Nordmänner gegenseitig, sie plünderten und brandschatzten, vergewaltigten und ermordeten. Meist war die Lage in dem unfruchtbaren Land angespannt und die wenigen Schafe und anderes Weide-Vieh wechselten oft den Besitzer. Am gestrigen Tage hatte man alle Differenzen hinter sich gelassen und gefeiert, heute wurde Thing gehalten.

Nebelschwaden umwaberten den einzigen Baum an der steinigen Küste der Insel um den damals die kleinen Menhir angeordnet wurden um den auf See verstorbenen Hjaldingern zu gedenken.
Vigvaldr war sich sicher, dass die Ahnen hier stark waren, dass es hier eine Pforte zu Svavnirs Hallen gab. Die Stille wurde von Ragnar durchbrochen, ein Hetmann aus dem fernen Torwjald, seine Stimme jedoch war nur ein Flüstern,
“Die Rockträger haben uns erneut von dem Reich der Horasier erzählt. Es scheint wohl im Süden Städte zu geben, wie die aus den Geschichten, Sagen und Legenden unserer Vorfahren.
Sie sind ebenso wie wir aufgebrochen zu dem neuen Land und verpesten es mit ihren Göttern. Die Tatsache ist nicht neu, doch ihre Gier nach Land hält nicht an.
Mehr als Zehn mal Hundert Winter ist es her, dass Svavnir unsere Ahnen unter Jurga Tjalfsdottir vor den gyldenländischen Eroberern schützte. Die Kantarer wollten uns damals unser Land nehmen,
sie werden es auch dieses mal versuchen, Zehn mal Hundert Winter später. Und ich sage sie werden scheitern. In Nostria haben wir erfahren, dass sie kurz vor unseren Grenzen stehen und nur noch an den Schwarzpelzigen Orks scheitern.”

Ein Raunen wurde laut bei Erwähnung der schwarzen Krieger aus dem Osten, was aber dem Ort geschuldet recht schnell abflaute. Die Stimmen im Nebel hörten sich trotz flüstern intensiver an und hallten leicht zwischen den Steinen.
Vigvaldr hatten Geschichten von den Wesen hinter dem Berg gehört, die allzu blutig und lebensverachtend auch Hjaldinger abgeschlachtet hatten. Nach Olafjord waren sie bisher nicht gekommen. Ihre Art und Weise zu plündern unterschied sich elementar von der, die Hjaldinger auszeichnete.
Außer dem Blut der Gestorbenen ließen diese Orks nichts zurück. Es gab keine Leichen, die man bestatten konnte.

Ein anderer Hetmann den Vigvaldr kannte, der große Asgrimm Yarison aus Hjalsvidra, ergriff das Wort: “Ich sage wir kommen den Hunden zuvor!”
“Das Wohl, Asgrimm, ich denke ebenso! Wir fallen in die Stadt ein und plündern sie wie die Nostrianer.”, Ragnar erntete ein Nicken aus allen Reihen der Nordmänner, erneutes Gemurmel wurde laut und sie bekundeten ihre Zustimmung.
Vigvaldr dachte an seinen Bruder, der vor ein paar Monden nach Bosparan aufgebrochen war und seitdem nicht wiederkam. Bosparan… so sagten die Händler der Cyclopeninsel, die von der Stadt erzählt hatten. In seinem Kopf ging Vigvaldr die Vielzahl der Möglichkeiten durch, die sie hatten.
Er dachte an die riesigen Krieger aus dem Süden und seine Brüder aus der Windhalla. Die Raubzüge der vergangenen Jahre auf andere Städte und Überfälle der Orks hatten das Hjaldingsche Volk dezimiert. Sie hatten seit Jahren zu wenig Menschen, zu wenig Krieger… die Helden der Geschichte wurden geboren und starben so schnell wie sie erschaffen wurden.

“Ich sage, wir handeln nicht unüberlegt!”, Vigvaldr fuhr sich durch seinen Bart und sprach etwas lauter um das Gerede der Anderen zu übertönen,
“Ich sage, wir sehen uns Bosparan an und entdecken ihre Schwachstellen. Das ist keine Hafenstadt, wir können vielleicht nicht mit unseren Drachenschiffen durch die Flüsse setzen.”
Es wurde wieder leise zwischen den Steinen und die Männer hörten ihm zu.
“Ich sage, wir dringen in ihr Herz ein und töten sie von innen heraus. Ich habe lieber einen Dolch im Rücken des Feindes als dass ich ihn unvorbereitet und stumpf von vorne angreife und es misslingt, weil die Axt bricht! Wir müssen lernen wie die Kantarer denken und es ihnen gleich tun.

Die Worte waren gesprochen und er hoffte, dass sich ein solches Denken nicht auf ihn übergriff. Sein Vorschlag war Klug, aber auf keinen Fall Weise, das wusste er auch. Zu Lernen wie der Feind dachte, konnte ihn in das Netz aus Intrigen und Dekadenz einwickeln, seinen Geist lähmen und ihn schwach machen. Was er wirklich über die Stadt Bosparan dachte behielt er für sich – Den Rest des Things hing der Wind- und Wellenrufer aus Olafjord seinen Gedanken nach… er rief sich die Geschichten an seinen verschollenen Bruder und die Märchen, die die Händler der Cyclopeninsel von der Stadt zu erzählen wussten, ins Gedächtnis.

- Suburbia, Unterstadt und Handwerksviertel der Hauptstadt Bosparan -

Der Hammer drosch wieder und wieder auf das glühende Metall ein und gab ihm die endgültige Form. Die drei Kanten der Klinge waren gelungen und konnten, nachdem sie abgekühlt waren, mit dem Wetzstein geschärft werden.
Dariminos blickte auf und betrachtete das Werk seines Lehrmeisters Corodovan. Es war perfekt wie immer, aber hatte einfach keinen Anspruch. Seit Tagen schon stand er an der heißen Esse und gab dem Erz seine neue Form.
Die Legionen brauchten neue Waffen und sie waren beauftragt worden diese zu fertigen. Zufrieden legte der Ingorosch-Geweihte seine Arbeit neben den Amboss und blickte Dariminos gut gelaunt an.
Schweiß stand auf seinem Gesicht, den er sich nun mit seiner rußigen Schürze vom Gesicht wischte und es dunkel färbte.
“Wie weit bist du mit den Hölzern für den Griff?”
“Alle fertig. Sie warten nur noch auf die Spitze”, gab Dariminos zurück und blickte sehnsüchtig auf den Hammer, den der Schmied unachtsam auf den Amboss gestellt hatte. Jederzeit könnte er herunterfallen, so wie er da an der Kante stand.
Wie gerne würde er ihn ergreifen und selbst gegen die Spitze des Kentema führen, ihr eine neue Form geben. Das Metall war immer noch heiß.
“Du hast alle fünfzig Stäbe geschnitzt? Warum hilfst du mir dann nicht?”

Dariminos seufzte, “Wir haben hier nur zwei Essen. Eine belegst du, die Andere gehört Eslamius, der lässt mich da nicht ran. Werkelt wohl an einem neuen Mechanismus für eine Uhr. Wie kann ich dir noch helfen? Immerhin habe ich dir schon das Holz angepasst.”
“Da magst du Recht haben, der Simia-Geweihte hütet die Schmiede auch wenn er sie nicht braucht.”, ein brummiges Lachen kam von dem Schmied.
“Nagut, dann geh du für mich zu Acorobeyus. Er hat wohl noch ein paar Brocken Endurium bei sich in der Schmiede. Der Centurio der Prätorianer will eine neue Schwarzstahl-Rüstung”, die Augen von Dariminos leuchteten auf.
Schwarzstahl und Endurium waren Begriffe, die sein Herz entflammten. Er hatte noch kein Metall unter seinem Hammer gehabt, das edler als Gold war. Solcherlei Metalle waren meist zu weich und gaben keine guten Waffen ab. Dariminos legte oft Wert auf die Eigenschaften, da eine gylden schimmernde Kette oder ein silberner Ring wenig nutzen hatten. Zu oft hatte er in der Arena gestanden und sein Leben in die Hand eines unbekannten Schmieds gelegt in der Hoffnung er verstünde seine Kunst.
Seinem letzten Gegner war dies nicht vergönnt gewesen. Auch wenn er dankbar war und es dem Willen Ingorosch zuschrieb, dass er überlebte, so sollte doch kein fähiger Gladiator so sterben.

Dariminos Schritte lenkten ihn, während er so vertieft war, wie von selbst durch die Suburbia in das Armenviertel Haldurias. Er übersah die vielen Bettler auf der Straße und musste das ein oder andere Mal durch eine Gasse, die an einem anderen Tage noch nicht dort war. Mitten auf der Straße wurden Hütten gebaut, die ein Durchkommen erschwerten oder den Weg komplett versperrten. Nach einer kleinen Brücke bog er nach rechts ab in die Schmiede von Acorobeyus.
Der ehemalige Gladiator der Blutgruben klopfte an das große Scheunentor und öffnete diese ohne auf eine Antwort zu warten.
“Ah, Herzlich Willkommen Bosparans-Sohn.”, Acorobeyus blickte von seiner Werkbank auf und hielt eine Eisenform in beiden Händen. Seine Oberarmmuskeln spannten sich und er drückte das Metall in einen Halbkreis, legte es ab und drückte mit seinem Finger kleine Löcher hinein.

Dariminos trat näher, “Guten Morgen, ein neues Hufeisen?”
Der Mann an der Werkbank nickte zufrieden und warf es in eine große, hölzerne Kiste neben sich, in der schon andere Hufeisen lagen.
“Wenn du wegen dem Erz hier bist, kommst du zu spät. Ich habe ihm bereits eine neue Form gegeben. Die Rüstung ist fertig, du kannst sie gerne für mich in der Kaserne abgeben.”
Enttäuschung und Wut kamen gleichermaßen in ihm nach oben. Er hätte gerne selbst das allmächtige Erz gegossen und von Fremdmetallen befreit. Der Auftrag wurde Corodovan gegeben und nun hatte Acorobeyus die letzten Krümel benutzt.
Seine Arbeit war sicherlich gut wie immer, daran zweifelte Dariminos nicht. Nun war er aber statt Schmied nur der Überbringer der Rüstung.
Anstatt zu widersprechen nahm der ehemalige Gladiator das Werk des Agrimoth-Akoluthen und stiefelte in Richtung der Kaserne…

- Villa YaTharios, Großstadt Punin, Yaquiria Superior-

Abu eilte zu der große stählernen Pforte und öffnete einen Spalt, damit der Reiter, der vor dem Tor verweilte, hereinkommen konnte. Als der Mann an ihm vorbei ritt, schaute der junge Sklave ihm hinterher. Ein Tulamide auf einem Pferd, das war wahrlich selten. Gerade in Punin, wo man seinesgleichen nur als Sklave antraf und sie die Pferde der hohen Herren lediglich abbürsten und waschen durften. Dieser hier stand nun auf dem Innenhof der mit kleinen Granitplatten ausgelegt war und wartete, dass Abu das Tor verschloss und zu ihm herankam. Der Haussklave verschloss das schwere Portal und beeilte sich zu dem Reiter aufzuschließen. Sein Pferd hatte er derweil mit einfachen Befehlen zum großen Brunnen in der Mitte des Platzes dirigiert, wo es nun begierig das kühle Wasser trank.

“Willkommen Herr, im Hause YaTharios zu Puninum. Wie kann ich euch helfen. Der Dominus und Pater Familias ist derzeit abwesend.”, Abu hatte den Mann auf Bosparano angesprochen, wie es ihm beigebracht worden war.
Dieser antwortete nun allerdings in feinstem Tulamidya. Abu bekam einen Schauer auf dem Rücken als er die alte Sprache vernahm.
“Ich will ohnehin nicht zu dem Herrn des Hauses. Ich suche seinen Sohn Lucardus. Eine dringende Nachricht aus der Pentagramma-Akademie.”
“Herr Lucardus ist in seinem Beschwörungsraum. Er ging heute bei Sonnenaufgang hinein und sagte er mag nicht gestört werden.”
“Nun, die Nachricht kommt direkt von seinem Meister, wir sollten ihn vielleicht unterbrechen”, der Mann sah in den Himmel und besah sich den Stand der Sonne, schirmte seine Augen wohlweislich mit der Hand ab.
Abu betrachtete den Mann im Schein der Brajanos-Scheibe. Seine Kleidung war bosparanischer Machart – seine Toga mit Schärpe wurde unter dem langen Reisemantel verborgen, der nur vor Staub der Straße schützen sollte.
Er war wohl schon recht lange auf dieser Seite des Limitantes. Abu wusste, dass er Meister Lucardus nicht stören durfte und wenn diese Nachricht nicht wichtig wäre, würde der Haussklave die Konsequenzen tragen müssen.
Wenn die Nachricht hier herumläge und er sie ihm erst später geben würde, wäre er ebenso verärgert. Er hatte ein hartes Los gezogen und wünschte sich die Rückkehr des Pater Familias. Solange dieser nicht da war, lag die Verwaltung der Villa in Punin bei seinem Erstgeborenen.
“Also gut, wenn Ihr sagt es ist wichtig, dann beeilen wir uns lieber.”

Abu band das Pferd an einem Sockel des Brunnens an und führte den Unbekannten durch das große Haus. Demeya, eine andere tulamidische Sklavin die in der Küche diente, kam ihnen im Atrium entgegen und Abu wies sie an, sich weiter um das Pferd zu kümmern.
Dann standen sie vor einer großen Tür dessen Rahmen mit Bronze umfasst war, auf der Tür prangte ein Schnörkel, von dem Lucardus erzählt hatte es sei die Sprache und Schrift von Dämonen. Auf interessierte Nachfragen von Abu wollte oder konnte der Magus aber nicht antworten. Er wich ihm aus und schickte ihn los um unnütze Sachen zu erledigen.
Der Sklave klopfte gegen die schwere Tür, achtete darauf die bronzenen Zeichen darauf nicht zu berühren. Sie warteten einige Lidschläge vor der Tür, es kam keine Reaktion von der Innenseite. Abu wollte gerade ein zweites Mal klopfen, als sich der Bote an ihm vorbeidrängte und die Tür öffnete.
Der Herzschlag des Bediensteten beschleunigte sich und er bekam Panik, folgte dem Mann ohne Namen aber…

Lucardus YaTharios stand in einem mit lilaner Kreide auf den Boden gemalten Sieben-Stern vor einem kleinen Tisch und starrte krampfhaft in die Schale, die auf diesem Stand. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt, er reagierte nicht auf die beiden Besucher.
Es war totenstill in dem Raum, kein Geräusch kam von den Sandalen des Fremdlings, der durch den Kreis schritt und auf den Tisch zu. Abu, kurz schockiert von dem Anblick seines Dominus, ging ihm hinterher, wollte er doch seinen so wehrlosen Herrn beschützen, falls ihm der Bote etwas tun wollte. Weder einen Namen hatte er genannt noch sich ausgewiesen mittels Sigille. Der Sklave schalt sich einen Narren und zog seinen Dolch unterm Gewand hervor, dabei verwischte er aus Versehen ein Teil des Heptagramms und die Hölle brach los.

Lucardus starrte hinunter auf das Meer aus Feuer und Tod, welches sich unter ihm erstreckte. Flammenlanzen stießen aus dem See mit flüssigem Glas hervor und verbrannten eine Frau, die in die Dimension geraten war. Ihr zerschundender Leib war tätowiert, Blasen bildeten sich auf der Haut und zerstörten die Bilder. Sie wand sich unter Schmerzen und schrie stumm zu ihm empor. Es wirkte beinahe so, als ob sie ihn direkt ansah, doch ihre Pupillen waren weiß und gebrochen. Die Frau war blind…
Verbranntes Fleisch und angesenkte Haare, es stank danach und er versuchte sich weiter auf die Szenerie zu konzentrieren. Er war immerhin freiwillig hier und wollte dem Ganzen den Schrecken nehmen. Er versuchte sich an das zu gewöhnen, so es ihm möglich war. Viele Magier die schwächer waren als er, waren in der Akademie mit dem Wissen an diese Glut gebrochen worden. Dann war alles vorbei.
Feuer schoss zu ihm empor und er wich zurück. Die Magie war verflogen, seine Studien wurden abgebrochen. Zornig blickte er sich in dem Raum um und fand die Ursache der Störung. Ein bärtiger Tulamide im Reisegewand trat durch das Heptagramm unbeeindruckt auf ihn zu, eine Rolle in der Hand, die er ihm hinhielt. Rasch ging er die Möglichkeiten durch, er wollte diesen Sandfresser strafen. Lucardus ging seine Zauber im Kopfe durch und fand einen, der ihm geeignet erschien.

“Igni-”, weiter kam er nicht. Der Magus wurde von den Beinen gerissen, Hitze erfüllte seinen Rücken und er stürzte zu Boden. Rasch drehte er sich um und erblickte es…
Etwas war mit ihm durch das Tor gekommen. Ein Wesen mit Flügeln und Peitsche stand am Tisch neben der Schale, es qualmte und rauchte mehr als dass es brannte. Kälte schlug ihm entgegen… das Un-Feuer der Niederhöllen.

Der Tulamide vor Abu legte die Schriftrolle auf dem Tisch ab und und murmelte etwas in einer fremden Sprache. Das Rauchmonster hinter dem Tisch löste sich langsam auf, unfähig sich zu bewegen oder noch einmal mit der Peitsche zuzuschlagen.
Lucardus erhob sich mit krummem Rücken und wandte sich dem Monster ebenso zu, sprach dieselben Worte wie der Tulamide. Abu konnte es nach ein paar Augenblicken den Dämon nicht mehr sehen, die Männer sprachen dennoch weiter bis der Tulamide schließlich aufhörte und auf die Rolle deutete.
“Magister Balphemors Nachricht, sie ist wichtig.”, Der Mann sprach nun auch noch perfektes Bosparano, Abu wunderte sich, wie man soviele Sprachen so gut sprechen konnte. Ein Griff unter sein Reisegewand förderte einen großen Folianten zutage, den er ebenso auf dem Tisch neben der Schale ablegte.
“Ihr solltet vielleicht euer Heptagramm erneuern, es ist verschmiert.”, als der Mann sich zu Abu umdrehte lag ein wissendes Grinsen auf seinem Gesicht. Der Sklave trat beiseite und lies ihn vorbeigehen, sein Meister strafte ihn immerhin auch nicht. Der Fremde hatte ihm ja sogar geholfen und zwei wichtige Dokumente gegeben. Abu steckte das gezogene Messer zurück unter seine Kleidung. Dort fühlte er etwas, was dort nicht hingehörte. Papier.

“Hol die anderen Nutzlosen! Räumt hier auf!”, der wütende Schrei von Lucardus holte ihn zurück in die Gegenwart. Eine Ader pulsierte auf seiner Stirn, sein Gesicht war hochrot.
Abu eilte in Richtung Küche um die Anderen zu holen. Im Atrium blieb er kurz stehen um nachzusehen, wieso er Papier in seinem Gewand hatte, das ihm nicht gehörte. Beschrieben war es in der Sprache seines Vaters, oben stand sein Name: Abu ibn Abu und unten am Rand Sadiqi. Das bedeutete Freund im Tulamidischen. Die Nachricht war wohl für ihn, aber lesen konnte er die Sprache leider nicht. Die ganze Seite war vollgeschrieben mit vertrauten Symbolen.

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Frostgeneral Frostgeneral

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